Ginkgo botanisch

Ginkgo Museum

Der älteste Ginkgobaum Thüringens

Der älteste Ginkgobaum Thüringens

Der Goethe Ginkgo in Jena, gepflanzt um 1780

Kaum ein Gehölz wird in Asien so verehrt wie der Ginkgo. Für die hohe Wertschätzung in diesem Teil der Welt spricht auch, dass zeitweilig im alten China Ginkgoblätter sogar als Zahlungsmittel galten.
Der Name Ginkgo wurde aber auch in den letzten beiden Jahrzehnten weltweit bekannt, dadurch dass aufbauend auf der traditionellen asiatischen Heilmedizin und mit dem Erstarken moderner Phytomedizin spezifische Medikamente aus den Blättern des Baumes entwickelt und popularisiert wurden.

Ginkgo biloba tritt als sommergrüner Baum mit aufstrebenden Ästen von etwa 20 bis 30, maximal 40 m Höhe auf. Auffällig sind die im rechten Winkel von der Hauptachse abgehenden, gestauchten Kurzsprosse, an denen sich Ende April/Anfang Mai Blätter und Blüten entwickeln. In seiner Form variiert er beträchtlich, wobei im männlichen Geschlecht die schlanke oder kegelförmige Säulenform, im weiblichen Geschlecht die ausladende Kronenform überwiegt. Natürlich gibt es davon erwartungsgemäß vielfache Abweichungen. Ein gesichertes Bestimmen beider Geschlechter nach der Wuchs-, Blatt- oder Knospenform bzw. nach einem Zeitverzug beim Blattaustrieb, wie öfters postuliert, ist demnach nur schwer möglich.
Charakteristisch sind die Blätter des Baumes geformt. Die Blattspreite ist auffällig gabelnervig (=dichotom) und meist ein- bis mehrfach tief eingeschnitten, ein Merkmal, das zu dem oben erklärten Art-Beiwort führte. Diese intensiv grünen, zur Zeit der Herbstfärbung leuchtend goldgelben Blätter sind kahl, schwach bewachst und unterschiedlich groß. Deren Form sowie die Blattfläche kann in Länge und Breite beträchtlich variieren.

Die Verzweigung älterer Bäume ist unregelmäßig und sparrig, die Borke graubraun, längsrissig und oftmals aufgeplatzt. Etwa in einem Lebensalter von 180 bis 200 Jahren können am Stamm oder an dicken Seitenästen sogenannte "chichi" (= "Brust", "Zitze") in Form stalaktitenähnlicher Auswüchse entstehen, die abgenommen, zu neuen Bäumchen austreiben können. Ganz selten bilden sie sich bei Bodenberührung an sehr alten Exemplaren zu neuen Seitenstämmen um.
Ginkgo biloba ist außerdem eingeschlechtig, d. h., es treten entweder rein männliche oder weibliche Blüten auf. Diese sind in der Regel auf verschiedene Bäume verteilt, so dass man von Zweihäusigkeit (Diözie) spricht. Sehr selten ist eine Erscheinung zu beobachten, dass an einem älteren männlichen Baum plötzlich weibliche Blüten und später im Herbst Samen erscheinen (Einhäusigkeit = Monözie). Diese spektakuläre Ausnahme ist seit einigen Jahren an einem etwa 180 Jahre alten, männlichen Exemplar im Botanischen Garten Jena (s. Foto oben ) und einem mehrere Jahrhunderte alten, ebenfalls männlichen Baum in Sendai (Japan) zu beobachten, die nachweislich nicht gepfropft sind. Mitunter wird allerdings in Baumschulen, Friedhöfen, Park- und Gartenanlagen durch Aufpfropfen eines weiblichen Astes auf einem männlichen Baum Samenansatz erzeugt.
Die Blüten erscheinen in den Achseln schuppenförmiger Nieder- oder Laubblätter. Die männlichen wirken kätzchenförmig; sie tragen an einer verlängerten Achse zahlreiche Staubblätter mit je zwei Pollensäcken pro Ansatz. Mitte, spätestens Ende Mai sind sie nach Erfüllung ihrer Funktion - der Bestäubung weiblicher Blüten- bereits wieder abgefallen und am Baum nicht mehr sichtbar. In manchen Jahren ist der Boden unter einem "Männchen" zu dieser Zeit mit einer dicken Schicht abgefallener Blüten bedeckt. Die weiblichen Blüten weisen dagegen am Ende eines langen, stielartigen Abschnittes gewöhnlich zwei (in seltenen Fällen 3 bis mehrere) Samenanlagen auf. Sehr oft entwickelt sich aber nur eine Samenanlage zum Samen weiter. Manchmal kann man aber auch 5-7 Samenanlagen, mitunter an geteilten Stielen vorfinden, Verhältnisse, die an fossile Ginkgo-Vorfahren erinnern.

Ginkgo blüht in der Nordhemisphäre im Monat Mai. Der auf die "nackte" Samenanlage durch den Wind transportierte Pollen wird durch eine schmale Öffnung, die Mikropyle genannt wird, in eine winzige Pollenkammer osmotisch eingesogen, wo er längere Zeit ruht. Erst viel später erfolgt die Befruchtung der Eizelle durch sogenannte Spermatozoiden, die mit einem spiralen Geißelband versehen und dadurch frei beweglich sind. Diese Spermatozoiden wurden vorher in den auskeimenden, winzigen Pollenkörnern gebildet und ähneln denen der ebenfalls urtümlichen Palmfarne (Cycadeen).

Nach erfolgreicher Befruchtung, oftmals Monate nach der Bestäubung, entwickeln sich zwischen September bis November zahlreiche, rundliche, mirabellenähnliche, etwa zwei bis drei cm große Samen an den weiblichen Bäumen. In manchen Jahren treten sie fast zentnerweise auf, in anderen nur vereinzelt oder gar nicht. Die Ursachen für solche auffälligen Schwankungen sind noch unbekannt, denn erkennbare klimatische Veränderungen konnten dabei nicht beobachtet und in Übereinstimmung mit diesem Extremen gebracht werden. Aber auch wenn die Samenanlagen anschwellen und sich gelb färben, kann man zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesichert sagen, ob es sich bei diesen Gebilden nur um vergrößerte Samenanlagen oder bereits reife Samen mit entwickelten Embryonen handeln. Diese bestehen aus einer äußeren, dickfleischig-weichen Schicht, die man Sarcotesta nennt, und einer inneren versteinerten, weißlichen, 2- oder 3-kantigen, die Sclerotesta heißt und demzufolge keinen Steinkern, wie oftmals genannt, darstellt. Erstere verströmt beim Zerquetschen oder Verfaulen wegen des hohen Anteils von Butter-, Valerian- und Capronsäure einen üblen Geruch, weshalb weibliche Exemplare als Allee- und Straßenbäume, aber auch aus Verkehrssicherheitsgründen (Rutschgefahr), meist nicht geschätzt sind.

>Goethe Ginkgo,Jena, Herbst

>Goethe Ginkgo,Jena, Herbst

© Rosemarie Stimper, Jena

Die Embryonen mit ihren zwei Keimblättern sind reich an Reservestoffen und ermöglichen dadurch potentiell eine schnelle Keimung. Die Keimungsrate schwankt allerdings beträchtlich (zwischen neunzig und null Prozent). So bleibt auch der Keimungserfolg, vor allem in Mitteleuropa, ungewiss. Trotzdem wird Ginkgo biloba vorwiegend generativ, also aus Samen, vermehrt.
Die Aussaat sollte günstiger Weise im Herbst des Erntejahres erfolgen, dann ist die Keimungsrate meist am höchsten. Ob mit oder ohne äußere Samenhülle ausgesät wird, ist dabei bedeutungslos. Man legt die am besten stratifizierten Samen bzw. die von der versteinerten Innenschicht umgebenen Embryonen in Tonschalen, Glas- oder andere Behältnisse mit feuchtem Substrat (Sand, feuchtes, saugfähiges Papier u.a.).

Das Optimum des pH-Wertes, auch bei späteren Pflanzungen, liegt im neutralen Bereich, also bei Werten um 7. Es zeigte sich aber, dass ebenfalls Werte im schwach sauren bzw. schwach alkalischen Bereich toleriert werden. Unter frostfreien Bedingungen erfolgt die Keimung reifer Samen meist schon nach kurzer Zeit. Während ältere Ginkgobäume eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit gegen andauernde, auch tiefergehende Bodenfröste zeigen, sollten dagegen junge Pflanzen im Frühjahr vor Spätfrösten geschützt werden. Ginkgo lässt sich auch vegetativ über im Frühjahr geschnittene Stecklinge vermehren. Allerdings benötigt man dazu viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl, auch fallen die Anwachserfolge sehr unterschiedlich aus.
Aufgrund der großen Nachfrage im Gartenbau existieren, anfangs nur spärlich, inzwischen aber bereits zahlreiche Ginkgo-Züchtungen.

Züchtungen Ginkgo - klicken um zu vergrößern

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Die bekanntesten sind: 'Laciniata' mit vielfach eingeschnittenen, federig, gekrausten Blatträndern, 'Saratoga' mit stark zerschlitzten Blättern, 'Pendula' mit einer hängenden Schirmform, 'Fastigiata', 'Columnaris' und 'Mayfield' mit extrem schlanken, an Säulenzypressen erinnernden Wuchs, 'Aurea' mit immer goldgelben Blättern, nicht nur zur Zeit der Laubfärbung, 'Variegata' mit unregelmäßig gelb-grün gestreiften Blättern, 'Autumn Gold' mit auffälligem Herbstlaub, auch 'Fairmount' und 'Tremonia' mit schmaler Säulenform bei guter Herbstfärbung, 'Tit' mit kompakten Wuchs und einem knotigen, Blätter tragenden Stamm, 'Horizontalis' mit flach ausgebreitetem Zwergwuchs und schließlich 'Tubifolia' mit oftmals trichterförmig verwachsenen Blättern.

Für Gartenfreunde, die einen Ginkgobaum pflanzen möchten, sind neben den Standortansprüchen aber auch die zu erwartende Wuchsleistung und das Wurzelsystem wichtige Parameter für die Wahl des Pflanzortes. Zufällige Beobachtungen an Altgehölzen (z.B. bei Straßenausbau, Verpflanzungen) ergaben, dass sowohl kräftige Senkwurzeln als auch ausgebreitete Flachwurzeln bis über den Kronentraufenbereich hinaus auftraten.
Doch Ginkgo ist nicht nur ein beliebtes Gehölz für Solitär- und Alleepflanzungen. Er wird auch als Nutzholzbaum in Asien sehr geschätzt, liefert er doch ein relativ hartes, sehr helles, fein gemasertes Holz mit hohem Ligningehalt. Im allgemeinen wird dieses Holz und seine daraus gewonnenen Produkte nicht von spezifischen Schädlingen befallen.
Vielfache Verwendung finden auch die Samen.

Spezialität in Asien

Die von der Sclerotesta umgebenen Embryonen, als "weiße Nüsse", "Kerne" oder "Silbermandeln" bezeichnet, gelten in vielen Ländern Asiens, vor allem in China und Japan, unter den Handelsnamen "pa-kewo" bzw. "bai-guo" (= "weiße Frucht") als Delikatesse. Sie sind außerordentlich reich an Reservestoffen und enthalten bis zu 67% Stärke, etwa 15% Proteine, etwa 3% Fett, 1-2% Pentosane sowie 1% Faserstoffe. Diese Zusammensetzung garantiert, ungeröstet, geröstet, gebacken oder gekocht einen exotischen Snack.

Man könnte den für Mitteleuropäer ungewohnten Geschmack als harzig-nussig, Maronen und Kartoffeln ähnelnd bezeichnen. Die gefärbten oder gerösteten Embryonen haben eine große rituelle Bedeutung und dürfen in Asien bei keiner Hochzeitsfeierlichkeit fehlen. Die fleischige Sarcotesta wird in Asien nicht entsorgt, sondern in der Volksmedizin gegen übermäßige Schleimbildung, verringerte Spermienproduktion und Alkoholmissbrauch, aber auch bei Asthma, Husten, Reizblase und Wurmleiden verwendet. Aufgrund des hohen Gerbsäuregehaltes ist sie auch zum Gerben von Leder einsetzbar. In zurückliegenden Zeiten wurden die zerstoßenen, weichen Hüllen in China auch als billiges Waschmittel genutzt. Nicht nur früher, sondern verstärkt gegenwärtig und außerhalb Asiens, werden sowohl Embryonen als auch die Sarcotesta, aber auch Blattextrakte zu kosmetischen Präparaten (Shampoos, Seifen, Hautcremes gegen Faltenbildung, Pigmentflecken, für geschmeidige, straffe Haut usw.) verarbeitet. Das Samenöl dagegen wird nicht nur in der Kosmetik, sondern auch als Brennöl verwendet. In manchen Ländern, z.B. den USA, werden neuerdings sogar Powerriegel zur Verbesserung der Gedächtnisleistung angepriesen; sie sollen signifikant den Intelligenzquotienten erhöhen!
Ginkgo ist ein in jeder Hinsicht bemerkenswertes Gehölz. Der oftmals bizarre Wuchs, die ästhetische Schönheit des fächerförmigen Blattes, die erstaunliche Stammesgeschichte der Art, das beachtenswert hohe Individualalter mancher Bäume, die Wertschätzung in sehr unterschiedlichen Kulturkreisen sowie seine breite medizinische Anwendungspalette rechtfertigen die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, aber auch die Sonderstellung, die dieser Baum sowohl in Wissenschaft als auch in Kunst, Kultur und im Gartenbau einnimmt.
Helga Dietrich, Botanischer Garten, Jena

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